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Mit dem Traktor von Gerterode nach Leipzig
Nur die ganz Harten kommen in den Garten: Heinrich Igelbrink, Uwe Kaiser, Thomas Kessler, Stefanie Kessler-Sowa und Kevin Sowa haben den ultimativen Härtetest gemacht: Per Traktor nach Leipzig.

» GERTERODE. - Mittwoch morgen, sechs Uhr. Noch schläft das idyllische Dörfchen Gerterode. Noch. Den Wecker können sich die Gerteröder an diesem Tag sparen. Das Aufwecken besorgen Heinrich Igelbrink, Uwe Kaiser, Thomas Kessler und Stefanie Kessler-Sowa mit ihrem Sohn Kevin Sowa. Kaum, dass Stunden- und Minutenzeiger eine Senkrechte bilden, geht das Spektakel los. Vorglühen, warten, durchstarten: Der Deutz D 15 läuft als Erster. Wie ein Uhrwerk. Aber laut. Uwe Kaiser hat den Einzylinder Diesel zum Leben erweckt. Noch qualmt es aus dem morgenmüden Auspuff. Heirich Igelbrink ist der nächste. Er startet seinen Deutz D 40. Thomas Kessler mit dem D 3006 zieht nach. Dann kommt Stefanie Kessler-Sowa, die Amazone des Gerteröder Traktoristen-Teams. Als das Herz des Bautz 200 metallisch pocht, dürfte auch der letzte Gerteröder senkrecht vor dem Bett stehen. „Werner, die Russen kommen" - vier Traktoren, insgesamt 188 Jahre alt, stehen polternd auf dem Hof von Heinrich Igelbrink.
» Die Morgensonne kommt gerade erst durch: Uwe Kaiser, Heinrich Igelbrink, Kevin Sowa, Stefanie Kessler-Sowa und Thomas Kessler vor dem Start zum großen Abenteuer. Foto: Lorey
Der Radau hat etwas Melodisches, Kindheitserinnerungen werden wach. Wer heute über 40 ist, kann sich noch gut an Opa erinnern, der mit dem Deutz, einer Menge Hilfskräfte auf dem Feld und viel Geduld Kartoffeln geerntet hat. Heute ist der Einsatz ein anderer: Das „Quartett mit Nachwuchs" will nicht aufs Feld, sondern in die Ferne. „Wir fahren nach Leipzig. Über die Landstraße. Auf eigener Achse", sagt Heinrich Igelbrink und checkt letztmalig die vier Boliden. Genug Diesel im Tank? Stimmt der Ölstand? Sind alle Schrauben fest, kann im Wohnwagen nichts passieren? Mit 20 km/h Spitzengeschwindigkeit wollen die fünf „Oldtimerfreunde Besengrund" nach Leipzig fahren. Auf Einladung der „Lanzfreunde Sachsen", die alle zwei Jahre eine Veranstaltung der Superlative ausrichten: „Bulldog, Dampf und Diesel" heißt das Treffen in der Sachsenmetropole, zu der rund 1.000 historische Traktoren aus ganz Deutschland erwartet werden. Ein letzter Blick nach Gerterode, Aufsitzen, Start: Vier Traktoren rollen unter mächtigem Getöse auf die Landstraße. Ein Ersatzfahrzeug auf dem Anhänger, zwei Oldtimer-Motorräder, zwei Wohnwagen und ein Werkstattanhänger. Was soll da schon passieren? Gut einen Kilometer weiter, kurz vor Tann. Ratsch macht es, und Uwe Kaiser rollt ruckelnd aus. Die Kupplung des 15er Deutz hat den Geist aufgegeben. Ganze Gruppe Halt. Verzweiflung in den Blicken. „Das kann nicht wahr sein", stöhnt Heinrich Igelbrink. Die Enttäuschung ist riesengroß. Ausgerechnet der 15er, das optische Schmuckstück der Gruppe. Frisch restauriert. Vor zwei Tagen erst fertiggestellt. Ein Materialfehler hat der Kupplung den Garaus gemacht. Kaum eine Stunde nach der Abfahrt soll die Reise schon vorbei sein? Aber nicht für einen Gerteröder Oldtimerfreund. Das Quintett kehrt um, bringt den defekten Oldie in die Werkstatt, tauscht die Zugmaschinen aus und spannt einen „Güldner Spessart", 15 PS, 48 Jahre alt, an. Zweiter Versuch. Wieder startet die Gruppe. Und diesmal verschwindet die Karawane aus dem Rohrbachtal, macht sich auf den weiten Weg, kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit. Gerterode, Tann, Reilos, Bebra. Über Gerstungen nach Eisenach, Bad Langensalza, Wandersleben. Sömmerda, Kahlwinkel, Bad Bibra, Laucha. Durch die Innenstadt von Freyburg. Und dann, ganz zum Schluss, nach Leipzig. In einem Triumphzug. Nach einer Übernachtung und einem glücklichen Telefonat mit der KLARTEXT-Redaktion. „Wir sind auf halber Strecke. Keine Ausfälle, keine Defekte. Es läuft wunderbar", ruft Heinrich Igelbrink Mittwoch Abend ins Handy. Einen Tag später meldet er sich wieder. „Wir sind da! Das ist einfach nur geil!" Zwei Tage Fahrt, rund 270 Kilometer Strecke liegen hinter den fünf Unerschrockenen, die sich in das Abenteuer gewagt haben. In Leipzig wurden die Ludwigsauer begeistert empfangen. Die „Lanzfreunde Sachsen" wissen, was die Gerteröder geschafft haben. Sie selbst waren vor zwei Jahren mit ihren Dieselrössern im Rohrbachtal. Mit 15 Fahrern. Auf der Durchreise zur Mosel. In einer Woche werden Heinrich Igelbrink, Uwe Kaiser, Thomas Kessler, Stefanie Kessler-Sowa und Kevin Sowa wieder in Gerterode ankommen. Dann haben sie fast 600 Kilometer auf ihren Traktoren hinter sich. Und wenn der Puls der alten Dieselmotoren auch noch lange im Hintern zu spüren sein wird: Das Abenteuer Gerterode-Leipzig-Gerterode wird den fünf „Traktoristen" der Oldtimerfreunde Ludwigsau nie mehr jemand nehmen können.
Mehr Infos zur Veranstaltung: www.lanzfreunde-sachsen.de
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